ISBN 3-939144-20-7  
                 
"...aus dem DichterNebel steiget..."
Engelsdorfer Verlag, Leipzig

ZeitGeschenke
Dichtungen und Texte
gegen das Vergessen

herausgegeben von
Baeredel & Sabine Grimm

präsentiert: auf der Leipziger Buchmesse 2007



*** ZeitGeschenke ***
...
"alter wertvoller Bäume":


(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Wilhelm Busch

Das Brot

Ich selber war ein Weizenkorn.
Mit vielen, die mir anverwandt,
lag ich im lauen Ackerland.
Bedrückt von einem Erdenkloß,
macht' ich mich mutig strebend los.


Gleich kam ein alter Has’ gehupft
und hat mich an der Nas’  gezupft,
und als es Winter ward, verfror,
was peinlich ist, mein linkes Ohr,


und als ich reif mit meiner Sippe,
o weh, da hat mit seiner Hippe
der Hans uns rundweg abgesäbelt
und zum Ersticken fest geknebelt


und auf die Tenne fortgeschafft,
wo ihrer vier mit voller Kraft
im regelrechten Flegeltakte
uns klopften, daß die Scharte knackte!

 

Ein Esel trug uns in die Mühle.
Ich sage dir, das sind Gefühle,
wenn man, zerrieben und gedrillt
zum allerfeinsten Staubgebild’,

sich kaum besinnt und fast vergisst,
ob Sonntag oder Montag ist.
Und schließlich schob der Bäckermeister,
nachdem wir erst als zäher Kleister


in seinem Troge bass gehudelt,
vermengt, geknebelt und vernudelt,
uns in des Ofens höchste Glut.
Jetzt sind wir Brot. Ist das nicht gut?


Frischauf, du hast genug, mein Lieber,
greif zu und schneide nicht zu knapp
und streiche tüchtig Butter drüber
und gib den andern auch was ab!


Wilhelm Busch
(15.04.1832)




(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Anette von Droste-Hülshoff
 

An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich


Ihr steht so nüchtern da gleich Kräuterbeeten,
Und ihr gleicht Fichten die zerspellt von Wettern, -
Haucht wie des Hauches Hauch in Syrinxflöten,
Lasst wie Dragoner die Trompeten schmettern
Der kann ein Schattenbild die Wange röten -
Die wirft den Handschuh Zeus und allen Göttern;
Ward denn der Führer euch nicht angeboren
In eigner Brust, daß ihr den Pfad verloren?
 
Schaut auf! Zur Rechten nicht - durch Tränengründe,
Mondscheinalleen und blasse Nebeldecken,
Wo einsam die veraltete Selinde
Zur Luna mag die Lilienarme strecken;
Glaubt, zur Genüge hauchten Seufzerwinde,
Längst überfloss der Sehnsucht Tränenbecken;
An eurem Hügel mag die Hirtin klagen,
Und seufzend drauf ein Gänseblümchen tragen.
 
Doch auch zur Linken nicht - durch Winkelgassen,
Wo tückisch nur die Diebslaternen blinken,
Mit wildem Druck euch rohe Hände fassen
Und Smollis Wüstling euch und Schwelger trinken -
Der Sinne Bachanale, wo die blassen
Betäubten Opfer in die Rosen sinken,
Und endlich, eures Sarges letzte Ehre,

Man drüber legt die Kränze der Hetäre. 

O dunkles Los! o Preis mit Schmach gewonnen,
Wenn Ruhmes Staffel wird der Ehre Bahre!
Grad’, grade geht der Pfad, wie Strahl der Sonnen!
Grad’, wie die Flamme lodert vom Altare!
Grad’, wie Natur das Berberross zum Bronnen
Treibt mitten durch die Wirbel der Sahare!
Ihr könnt nicht fehlen: er, so mild umlichtet,
Der Führer ward in euch nicht hingerichtet.
 
Treu schützte ihn der Länder fromme Sitte,
Die euch umgeben wie mit Heil’genscheine,
Sie hielt euch fern die freche Liebesbitte,
Und legte Anathem auf das Gemeine.
Euch nahte die Natur mit reinem Schritte,
Kein trunkner Schwelger über Stock und Steine,
Ihr mögt ihr willig jedes Opfer spenden,
Denn alles nimmt sie, doch aus reinen Händen.
 
Die Zeit hat jede Schranke aufgeschlossen,
An allen Wegen hauchen Naphthablüten,
Ein reizend scharfer Duft hat sich ergossen,
Und jeder mag die eignen Sinne hüten.
Das Leben stürmt auf abgehetzten Rossen,
Die noch zusammenbrechend haun und wüten.
Ich will den Griffel eurer Hand nicht rauben,
Singt, aber zitternd, wie vom Weih’ die Tauben.

Ja, treibt der Geist euch, Lasst Standarten ragen!
Ihr wart die Zeugen wild bewegter Zeiten,
Was ihr erlebt, das lässt sich nicht erschlagen,
Feldbind’ und Helmzier mag ein Weib bereiten;
Doch seht euch vor wie hoch die Schwingen tragen,
Stellt nicht das Ziel in ungemessne Weiten,
Der kecke Falk ist überall zu finden,
Doch einsam steigt der Aar aus Alpengründen.
 
Vor allem aber pflegt das anvertraute,
Das heil’ge Gut, gelegt in eure Hände,
Weckt der Natur geheimnisreichste Laute,
Kniet vor des Blutes gnadenvoller Spende;
Des Tempels pflegt, den Menschenhand nicht baute,
Und schmückt mit Sprüchen die entweihten Wände,
Dass dort, aus dieser Wirren Staub und Mühen,
Die Gattin mag, das Kind, die Mutter knien.
 
Ihr hörtet sie, die unterdrückten Klagen
Der heiligen Natur, geprägt zur Dirne.
Wer hat sie nicht gehört in diesen Tagen,
Wo nur Ein Gott, der Gott im eignen Hirne?
Frischauf! - und will den Lorbeer man versagen.
O Glückliche mit unbekränzter Stirne!
O arm Gefühl, das sich nicht selbst kann lohnen!
Mehr ist ein Segen als zehntausend Kronen!

Annette von Droste Hülshoff
(10.01.1797)




(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Marie von Ebner –Eschenbach

Magst den Tadel noch so fein

 
Magst den Tadel noch so fein,
noch so zart bereiten,
weckt er Widerstreiten.
 
Lob darf ganz geschmacklos sein,
hocherfreut und munter
schlucken sie’s hinunter.



Marie Freifrau von Ebner- Eschenbach
(13.09.1830)




(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Josef Freiherr von Eichendorff

Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff
(10.3. 1788)




(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Hoffmann von Fallersleben


(Skizze © baeredel)
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

Aus dem „Buch der Liebe“

Ich will von dir, was keine Zeit zerstöret,
Nur Schönheit, die das Herz verleiht;
Ich will von dir, was nie der Welt gehöret,
Die engelreine Kindlichkeit.

Das sind des Himmels allerbeste Gaben,
Das ist des Lebens schönste Zier,
Hat dich die Welt, so kann ich dich nicht haben;
Lebst du der Welt, so stirbst du mir.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
( 02. 04. 1798)



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Johann Wolfgang von Goethe

( 28.08. 1749)

Erinnerung

Willst du immer weiterschweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
denn das Glück ist immer da.

Johann Wolfgang von Goethe



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Gebrüder Grimm
Jakob ( 04.01.1785)
Wilhelm ( 24.02.1786)

Der goldene Schlüssel

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, musste ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen.
Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Haus gehen,
sondern erst Feuer anmachen und sich ein bisschen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte,
fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müsste auch das Schloss dazu sein,
grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. Wenn der Schlüssel nur passt! dachte er.
Es sind gewiss kostbare Sachen in dem Kästchen.
Er suchte, aber es war kein Schlüsselloch da, endlich entdeckte er eins, aber so klein, dass man es kaum sehen konnte.
Er probierte, und der Schlüssel passte glücklich. Da drehte er einmal herum, und nun
müssen wir warten,
bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat,
dann werden wir erfahren,
was für wunderbare Sachen in dem Kästchen liegen.

Gebrüder Grimm



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Heinrich Heine

Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag ich dich fort
Fort nach den Fluren des Ganges,
Dort weiß ich den schönsten Ort.

Die Veilchen kichern und kosen;
Und schaun nach den Sternen empor
Heimlich erzählen die Rosen
Sich duftende Märchen ins Ohr.

Dort liegt ein rotblühender Garten
Im stillen Mondenschein;
Die Lotosblumen erwarten
Ihr trautes Schwesterlein.

Es hüpfen herbei und lauschen
Die frommen, klugen Gazelln;
Und in der Ferne rauschen
Des heiligen Stromes Welln.

Dort wollen wir niedersinken
Unter dem Palmenbaum,
Und Liebe und Ruhe trinken,
Und träumen seligen Traum.

Heinrich Heine
( 13. 12. 1797)



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Klabund
als Alfred Henschke geboren

Novemberelegie

Ich habe gestern ein Gedicht an dich geschrieben.
Ich saß am offenen Fenster.
Ich fröstelte.
Der Herbstwind wehte.
Er hat's verweht.

Als du zu mir kamst,
Standen zwei alte Weiber im Hausflur.
Sie krächzten hinter dir her
Wie Krähen.
Du hüpftest wie eine Bachstelze stolz und
zierlich.
Öde ist die Welt, ein braches Feld, und böse
sind die Menschen.

Küsse mich mit deinen braunen Augen
Und wirf die Arme

Wie weiße Fliederäste um mich
Und schenke mir, dem herbstlich taumelnden,
Den Sommer,
Schenke
Noch einmal Sommer mir
Und weiße Rosen,
Letztes Licht.

Klabund
(4.11.1890)



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Christian Morgenstern

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

„Der Werwolf“ - sprach der gute Mann,
„des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie man’s nennt,
den Wenwolf, - damit hat’s ein End.“

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,

er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber musste
gestehn, dass er von ihr nichts wusste,
Zwar Wölfe gäb’s in grosser Schar,
doch „Wer“ gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind -
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Christian Morgenstern
( 06. 05. 1871)



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Clara Müller

Mutter Erde
 
Mitternächtges Dunkel spinnt
um die Welt ein heimlich Träumen;
leise singt der Frühlingswind
in den knospenschweren Bäumen.
 
Fern noch einer Lampe Schein,
und der Himmel schwarz verhangen -
in den dunklen Birkenhain
bin ich einsam ausgegangen.
 
Schmeichelnd um die Stirne streicht
mir der Lenznacht weicher Odem,
aus den feuchten Beeten steigt
Erdgeruch und Nebelbrodem.


Aus dem Schoß der Wolken fällt
groß und warm der erste Tropfen -
und mir ist, das Herz der Welt
hör ich in der Stille klopfen.

 Durch die Nacht, so kirchenstill,
geht ein Raunen und ein Regen,
jedes kleinste Pflänzchen will
Zwiesprach mit dem Schöpfer pflegen.
 
Was in dunklen Tiefen schlief,
ruft ans Licht ein neues Werde -
und die Knie beug ich tief
zur gebenedeiten Erde. -


Clara Müller
( 05.02.1861)



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Novalis
geboren als
Georg Friedrich Phillip Leopold
Freiherr von Hardenberg


Alle Menschen

seh ich leben
Viele leicht vorüberschweben
Wenig mühsam vorwärtsstreben
Doch nur Einem ists gegeben
Leichtes Streben, schwebend leben.

Wahrlich der Genuss ziemt Toren
In der Zeit sind sie verloren,
Gleichen ganz den Ephemeren.
In dem Streit mit Sturm und Wogen
Wird der Weise fortgezogen
Kämpft um niemals aufzuhören
Und so wird die Zeit betrogen
Endlich unters Joch gebogen
Muss des Weisen Macht vermehren.

Ruh ist Göttern nur gegeben
Ihnen ziemt der Überfluss
Doch für uns ist Handeln Leben
Macht zu üben nur Genuss.


Novalis
( 02.05.1772)



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Rainer Maria Rilke

Lied

Du, der ich’s nicht sage, dass ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?
- - - - -
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.
- - - - -
Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist du’s, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.


Rainer Maria Rilke
( 4.12.1875)



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Johann Christoph Friedrich von Schiller

Das Alte

stürzt,
es ändert sich die Zeit,
und neues Leben
blüht aus den Ruinen.

Friedrich von Schiller
( 10.11.1759)



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Adele Schopenhauer

Dein Wille geschehe! -

Doch was ist dein Wille?
 
Dein Wille geschehe! - Doch was ist dein Wille?
Dein heilig Reich komme - doch wo naht es sich?
Ich ruf's durch die Welt; doch in ewiger Stille
Verbreitet sich Schweigen und Grausen um mich.
 
Dich such’ ich im Himmel, auf Erden, im Herzen,
Doch Vater, Allew’ger, ach wo find’ ich Licht?
Dich fasst’ ich in Wonnen, Dich fasst’ ich in Schmerzen,
Nun irr’ ich im Dunkel und fasse Dich nicht.
 
Und bin ich ein Geist denn, und hat ewig Leben
Dein Atem dem Kind in die Seele gehaucht,
So muss deine Liebe dort Antwort mir geben,
Weil hier meine Liebe die Antwort gebraucht.


Adele Schopenhauer
(12.06.1797)



(Bleistiftzeichnung © baeredel)
Theodor  Storm

Abseits

Es ist so still; die Heide liegt
Im warmen Mittagssonnenstrahle,
Ein rosenroter Schimmer fliegt
Um ihre alten Gräbermale;
Die Kräuter blühn; der Heideduft
Steigt in die blaue Sommerluft.

Laufkäfer hasten durchs Gesträuch
In ihren goldnen Panzerröckchen,
Die Bienen hängen Zweig um Zweig
Sich an der Edelheide Glöckchen,
Die Vögel schwirren aus dem Kraut -
Die Luft ist voller Lerchenlaut.

Ein halbverfallen niedrig Haus
Steht einsam hier und sonnbeschienen;
Der Kätner lehnt zur Tür hinaus,
Behaglich blinzelnd nach den Bienen;
Sein Junge auf dem Stein davor
Schnitzt Pfeifen sich aus Kälberrohr.

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
- Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.


Theodor Storm
(14. 09. 1817)







**

*

weiter


"Unter dem Schutz der Kronen alter, wertvoller Bäume gedeihen immer wieder
junge Triebe, die deren Gene weiter tragen.

Zielstrebig zum Licht gewandt,
scheuen sie auch nicht den dichtesten Nebel."


Die Hoffnung,
dass auch die alten Gedichte nicht sterben,
lebt!