ISBN 3-86703-136-3                   

"ZeitGeschenke - Anthologie 2006

Engelsdorfer Verlag, Leipzig

Die Anthologie ZeitGeschenke des Jahres 2006
vermittelt Dichtung, Lyrik, Prosa, Aphorismen und Zitate
unterschiedlichster Autoren und Autorinnen.
An der vorliegenden Ausgabe sind
beteiligt:
Baeredel, Josef Brehl, Ernst Ferstl, Anja Grän,
Sabine Grimm, Tino Hemmann, Elisabeth Rosing, Ruth Schubert,
Peter E. Schumacher, Brigitte Teupe und Stefan K. Wittlin.

Herausgeberin: Baeredel

präsentiert: auf der Frankfurter Buchmesse 2006
präsentiert: auf der Leipziger Buchmesse 2007




***

Unsere Welt
verändern

kann
der Poet

nicht.

Aber,


er kann
sie
reizvoller
machen.“



Verlautbarung:
Marcel Reich-Ranicki






*** Lesestück ***

Da sehe ich
meiner Zeit hinterher…

in
den Kindern

wie sie laufen
an der Hand

ihrer Mütter

ihrer Väter


allein


in ihre Zukunft…


© baeredel



Die Zeit läuft



Dir nicht

davon ...


*


Du läufst

in ihr…

*

und Deine Schritte rückwärts
bringen Deine Zeit nicht vorwärts."

© baeredel



Ein Würmchen


sagt man,

hätt’  kein Herz
und kenne keine Leiden,

keine Freuden, keinen Schmerz;

doch wer kann dies beeiden?


Der Angler hörte nie `nen Schrei,
spickt er ein Würmchen auf,

und es wär’  wohl einerlei,
trät’  sonst noch einer drauf…


Doch sieh’  mal hin,
kannst Du nichts hör’n?

Vor Angst
wird es sich winden;
scheint auch kein Schrei Dich je zu stör’n,

versetz’ Dich in dies Würmchen rein…
dann
kannst Du’s nachempfinden…! 

© baeredel





Ein Vöglein

baute sich ein Nest,
die Brut hineinzulegen,

doch dieses Nest,
es hielt nicht fest,
der Wind tat es entheben.


Das Vöglein
ward’ nicht stumm vor Gram.
Es baute sich ein neues;
das
hielt den Sturm aus,

der noch kam …!

Das Vöglein
zwitschert nun sehr fein,
vielleicht etwas verlegen,
dem Sonnenschein
entgegen.

© baeredel




Omi,

„Wenn ich groß bin,
bist Du tot“,

sagt die Kleine, traurig ein bisschen.

„Meinst Du?“
fragt Omi zurück und gibt ihr zärtlich ein Küsschen.


„Bestimmt!“ sagt sie,
„denn, wenn ich groß bin, dann bist Du alt,
und wenn man alt ist,
stirbt man bald…“


„Da hast Du Recht“,

 sagt die Omi dann leise.
„So ist’ s auf der Welt, und das ist sehr weise!“
„Ich fänd’ es auch, wenn keiner stirbt, toll,
aber, stell Dir vor, dann wär’ die ganze Welt voll!“


„Voll von allen Menschen, Pflanzen und Tier’
dann hättest auch Du keinen Platz mehr dann hier.
Für die Welt selbst wär’ das auch alles zu schwer,
sie stürzt’ dann ab, auch sie gäb’s  nicht mehr.

Das wär’ doch zu schade, um diese schöne Welt!
So dürfen wir sie alle seh’ n, und wem sie gefällt,
der bleibt etwas länger, wird vielleicht Omi oder so…
 nach dem Sterben ein Engel und ist dann auch froh.“

„Genau“, sagt die Kleine, „das mache ich auch,
erst werd’ ich groß, hab’ ein Baby im Bauch,
dann will ich auch noch Omi werden
und dann ein Engel hier auf Erden.“


* * *


„Genau“, sagt Omi, „denn ein Engel ist nicht schwer,
 der sieht auch alles, sogar weit über’s Meer.
Wer einen Engel bekommt, hat meist seine Omi verloren,
die Platz macht. - Dann wird ein neues Leben geboren.“


Genauso geht es mit der Zeit, so ist’ s nun mal,
schnell lebt die Stunde und ein Jahr ist erreicht.
Ist dieses vorbei, bleibt nur noch die Zahl…
und die Zahl ist… wie ein Engel so leicht.“


© baeredel


**

*

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