ISBN 3-86703-298-X                 

"Papi weißt Du noch...?"

Engelsdorfer Verlag, Leipzig
Das Bewusstsein von Komapatienten versucht man mit

modernsten diagnostischen Verfahren zu ergründen.
Über ein Endergebnis verfügt dieser Forschungszweig nicht.

"Papi, weißt Du noch...?"
Eine Tochter lässt ihren Vater nicht allein,
der nach einem Unfall mit akutem Herzversagen ins Koma fällt und
auf der Intensivstation im Krankenhaus versorgt wird.
Sie will sich nicht damit abfinden, dass der Vater sterben muss und
lässt nichts unversucht, ihm das Bewusstsein zurückzugeben.
.
.

Roman
by baeredel

präsentiert: auf der Leipziger Buchmesse 2007




*** Lesestück ***

***

Gedankenverloren sah Gabriela durch das Fenster. Immer wieder streichelte sie ihrem Vater zart über seine Hände.
Schließlich formten sich ihre Gedanken weiter über ihre Lippen in leise Worte:

„Papi, weißt Du noch, als der eine Muttertag war, den wir lieber vergessen wollten und der doch noch so schön endete?
Oh je, war das eine Aufregung. Mama war nicht da. Sie sollte erst am Muttertag Mittag zurückkommen.

Aber was war da alles passiert!


Wir wollten Mama einen tollen Empfang bereiten. Du hattest noch das Geschirr in die Spülmaschine eingeräumt, damit auch die Küche blitzte.

Auch einen Kuchen hatten wir beide extra zusammengerührt und ich durfte die Rosinen hinein fallen lassen, die Du unterrührtest. –
Mama liebt Rührkuchen mit Rosinen über alles. Am Meisten den, den wir für sie gebacken haben.
Ach Papi, Du hattest den Kuchen gerade in den Ofen geschoben, als ich Dich bat, mit mir für Mami Blumen von der Wiese zu pflücken.
Hand in Hand gingen wir an dem Rand des Kornfeldes entlang. Und Du hieltest die Blumen fest, die ich extra für Mama zum Muttertag pflückte.

Ach Papi, weißt Du noch, was wir gelacht haben. Und wie wir uns freuten?
Jede Blume, die ich für Mama pflückte, machte den Wiesenstrauß in Deiner Hand jedes Mal noch schöner.
Und wir malten uns aus, wie sich Mama darüber freuen würde…
Als wir wieder nach Hause kamen, hatte ich bald einen ganzen Arm voll bunter duftender Schönheiten.



Wir waren beide nass geschwitzt, aber in der Vorfreude sehr glücklich.

Oh je, was schauten wir verdutzt, als Du die Tür zuhause aufgeschlossen hattest.
Eine schwarze Dunstwolke stieg uns aus der Küche entgegen. Es rauschte und zischte, als wolle sich das ganze Haus gefährlich auflösen.
Als Du eilig die Küchentür öffnetest schoss auch noch ein Schwall Wasser mit Wucht unaufhaltsam bis in den Flur.
Das Wasser rann bis zur Treppe und gluckerte sogleich auch noch bis in den Keller hinunter.
Der Zulaufschlauch des Geschirrspülers war geplatzt.
Für unseren wunderschönen Blumenstrauß waren wir zu lange vom Backofen entfernt gewesen.


Oh je Papi, war das eine Aufregung für mich.

Doch Du warst die Ruhe selbst.

Du hast die Spülmaschine und den Ofen abgestellt, hast die Fenster geöffnet, und
den Monteur angerufen.
Dann hast Du das heiße Kuchenblech mit dem verbrannten Kuchen einfach nach draußen gebracht…
Und Du hast meine heißen Tränen darüber getrocknet, dass unser schöner Kuchen für Mama verbrannt war und
zusammen mit mir

hast Du die schönen Blumen für Mama in ihre Lieblingsvase gestellt.

Ach Papi,
Du wurdest erst nervös, als das Telefon läutete.
Aber als Mama Dir sagte, dass der Zug Verspätung hätte, hattest Du mir wieder aufmunternd zugenickt:

> Nun komm, jetzt kaufen wir den schönsten Kuchen der ganzen Welt für Mami.
Und von Mami lassen wir uns noch mal richtig zeigen, wie das geht mit dem Kuchenbacken…
damit unser Kuchen beim nächsten Mal nicht wieder verbrennt. o.k.? <

Spät abends erst konnten wir dann Mama vom Bahnhof abholen.
Ein Zug nach dem anderen hatte Verspätung gehabt. So wurde es noch später, als zunächst vermutet.

Mami war fix und fertig, fast noch mehr als wir, so dass wir uns unterwegs nur noch eine kleine Pizza bestellt hatten.
Wir wollten nur noch nach Hause.

Aber dann, dann waren wir endlich wieder glücklich.

Wir hielten uns alle im Arm. Du, Mami und ich.

Und in der Nacht durfte ich zwischen Euch schlafen. Wir spielten Brücke
und hielten uns an den Händen fest.
Ich lag in der Mitte, denn ich wäre der Stützpfeiler  > so hattest Du gesagt <  und

ich hielt euch mit meinen kleinen Händen fest.
Mami hat uns dann noch erzählt, obwohl sie so müde war, was sie auf dem Bahnhof und unterwegs alles gesehen hatte.


Weiß der Himmel, warum ich dann morgens in meinem Bett wach geworden bin…

Ach Papi…“


Gabriela erschrak sich. Plötzlich ertönte ein Warnton im Überwachungsgerät.

**

*

weiter